Die mittlerweile mehr als 60 Jahre währende Erforschung der im Malort und auf Forschungsreisen in entlegene Gegenden entstandenen Spuren brachte Arno Stern zu der Erkenntnis eines eigenständigen Systems, welches er Formulation nennt. Die Formulation beschreibt die Entwicklung von Formen, die sich aus einer inneren Notwendigkeit der Hand aufdrängen und zum Ausdruck gebracht werden wollen. Voraussetzung für das Entstehen der Formulation ist, dass das Kind im Schutz des Malortes ungestört seinen eigenen Impulsen folgen kann.

„Das Einmalige an der Formulation besteht darin, dass sie über alles Beabsichtigte hinaus, über Gefühle, Erlebnisse und Empfindungen (die gegebenenfalls noch mit anderen Mitteln geäußert werden können) auch Ausdruck dessen ist, was in der organischen Erinnerung aufgezeichnet ist und wofür es keine andere Ausdrucksmöglichkeit gibt“ (Arno Stern).

Die Formulation beginnt mit den sog. Erstfiguren. Arno Stern nennt diese Erstfiguren Giruli und Punktili und ersetzt damit wenig würdevolle Begriffe, wie „Kitzelphase“ oder „Krikelakrak“.

In dieser Phase erprobt das kleine Kind wieder und wieder seine motorischen Fähigkeiten und ist begeistert und entzückt von den Spuren die auf dem Blatt entstehen.

Nach vielen Wiederholungen und mit wachsenden motorischen Fähigkeiten beginnt die Evolution der Erstfiguren. Es entstehen Kreise, Striche, Vierecke, Dreiecke, Strahlenfiguren, Grätenfiguren und vieles mehr. Einer natürlichen Entwicklung folgend eignet sich das Kind, welches ohne Einmischung und/oder Belehrung malen darf, alle Formen und Strukturen an und beginnt mit ihnen auf dem Blatt zu spielen.

In der zweiten Phase der Formulation entstehen sog. Bild-Dinge.

Das Kind nimmt seine Umwelt mehr und mehr wahr. Die Erstfiguren entwickeln sich zu sog. Trazaten und werden in Bild-Dinge eingekleidet. Einer vorprogrammierten Entwicklung folgend entsteht z.B. das Haus.

Beim größer gewordenen Kind entstehen ganze Inszenierungen auf dem Blatt. Die möglichst genaue Darstellung wird besonders wichtig. Diese Phase wird vom sog. Erwachsenen oft sehr geschätzt, da hier eine besondere Begabung vermutet wird. Es ist jedoch wesentlich, zu verstehen, dass ein jeder, dessen spontaner Ausdruck nicht durch Belehrung oder Beurteilung beeinträchtigt wurde, dazu fähig ist!

Die Periode der Bild-Dinge wird abgelöst durch die Hauptfiguren. Hier tritt das Spontane hervor. Alle zuvor erworbenen und in den Bild-Dingen verborgene Formen und Strukturen treten nun offen hervor.

Die Hauptfiguren gehören nicht etwa der abstrakten Kunst an, sondern kommen ebenfalls aus der organischen Erinnerung.